Als Teil der tamilischen Diaspora habe ich schon als Kind von Verwandten gehört, wie sie mitansehen mussten, wie Freunde und Familienmitglieder im Bürgerkrieg in Sri Lanka verletzt wurden oder ihr Leben verloren. Viele lebten mit dem ständigen Gefühl, nie wirklich sicher zu sein, hielten nachts abwechselnd Wache und wussten nicht, ob sie den nächsten Tag erleben würden. Der Bürgerkrieg entwickelte sich aus langjährigen Spannungen zwischen der singhalesischen Mehrheit und der tamilischen Minderheit, die unter struktureller Benachteiligung, Diskriminierung und politischer Ausgrenzung litt. Im Jahr 1983 eskalierte der Konflikt in einen bewaffneten Krieg, in dem sich unter anderem die LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) für die Rechte und Unabhängigkeit der Tamilen einsetzten.
In meiner Maturaarbeit bin ich daher der Frage nachgegangen, inwiefern sich die Migration von Tamilen aus Sri Lanka in die Schweiz durch sogenannte Push- und Pull-Faktoren während des Bürgerkriegs in Sri Lanka (1983–2009) entwickelt hat. Push-Faktoren waren unter anderem die brutale Gewalt, die wirtschaftliche Not in der langen Krisenzeit und die Angst um das tägliche Überleben, die Hunderttausende zwangen, ihre Heimat zu verlassen. Pull-Faktoren wie politische Stabilität, Schutz und die sozialen Chancen machten Länder wie Kanada und Grossbritannien – und auch die Schweiz – für viele Tamilen zu einem sicheren Zielland mit neuer Hoffnung.
Ich begann meine Arbeit mit den Statistiken des Bundesamts für Migration: Durch die grafische Darstellung dieser Daten konnte ich auffällige Schwankungen in der Zuwanderung sichtbar machen. Dabei traten besonders deutliche Peaks in den Jahren 1990/1991 während einer intensiven Kriegsphase und 2008/2009, kurz bevor das Waffenstillstandsabkommen den offiziellen Frieden brachte, hervor. Der Waffenstillstand bedeutete jedoch nicht das Ende des Leids. Die Wunden heilen langsam, und Spannungen zwischen Tamilen und Singhalesen bleiben bis heute bestehen.
Ergänzend zu den quantitativen Daten habe ich Interviews mit fünf Tamilen geführt, die während des Krieges in die Schweiz kamen. Sie erzählten ihre persönlichen Geschichten, und diese waren so unterschiedlich wie ihre Wege in die Schweiz. Eine Person erzählte mir, dass sie mit dem Velo drei Stunden zur nächstgelegenen Schule fahren musste, weil ihre Schule zerstört worden war, nachdem sie unter Beschuss geraten war. Andere erlebten Gewalt hautnah mit und sahen, wie Bekannte und Kinder Opfer von Gewalt wurden und ihr Leben verloren. Ohne Schulabschlüsse bauten die fünf Befragten sich hier ein neues Leben auf und beteiligen sich heute aktiv in der Gesellschaft, grösstenteils in der Gastronomie. Einer der Befragten hat inzwischen sogar sein eigenes Unternehmen im Bereich Facility-Management gegründet. Diese individuellen Geschichten zeigen, dass hinter jeder Statistik Menschen mit persönlichen Erfahrungen, Leid, Hoffnung, Mut und dem Willen, sich ein neues Leben aufzubauen, stehen.
Meine Ergebnisse zeigen: Migration ist kein linearer Weg, sondern ein komplexes Zusammenspiel persönlicher Lebenswege und historischer Ereignisse. Der Bürgerkrieg zwang viele Tamilen zur Flucht, und unter vielen anderen Ländern bot auch die Schweiz ihnen neue Perspektiven.
Dass die Nachwirkungen des Bürgerkriegs bis heute spürbar sind, zeigt etwa das kürzlich errichtete «Tamil Genocide Memorial» in Brampton, Kanada. Es erinnert daran, dass diese Geschichte nicht einfach abgeschlossen ist, sondern in Familien, Diskussionen, Erinnerungen und in Gedenkstätten für die Verstorbenen rund um die Welt weiterlebt. Mit meiner Arbeit möchte ich verdeutlichen, wie Migration Menschen und Gesellschaften prägt, und zeigen, dass hinter jeder Statistik eine ganz eigene Geschichte steckt.
Sherina Nobert
Maturaklasse 2025
