«Diese Fähigkeiten sind später an der Uni gefragt, werden an einer normalen Maturitätsschule aber nicht in diesem Mass eingeübt»
Zusätzlich zur zweisprachigen Matur erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler der Stiftsschule Engelberg auch das International Baccalaureate, kurz IB. Hansueli Fückiger hat das IB-Programm an der Stiftsschule aufgebaut und lange geleitet.
Hansueli Flückiger, was ist das International Baccalaureate?
Eine internationale Nonprofit-Organisation. Sie entwirft verschiedene Bildungsprogramme und ermöglicht es Schulen, nach diesen Programmen zu unterrichten. Zum Beispiel gibt es das sogenannte Diplomprogramm.
Das an der Stiftsschule?
Ja. Dieses Programm schliesst mit dem IB-Diplom ab und es wird von führenden Universitäten weltweit anerkannt. An der Stiftsschule unterrichten wir es in Kombination mit der Matura.
Und was bringt das IB?
Der grosse Vorteil ist, dass die Schülerinnen und Schüler das forschende Lernen integrieren – und damit verbunden bauen sie Fähigkeiten auf, die später an der Uni und im Job wichtig werden. Einige Absolvent*innen haben mir auch erzählt, dass sie wegen des IB-Diploms aufgefallen und zum Job-Interview eingeladen worden seien. Und das IB hilft, wenn man an einer ausländlichen Universität studieren will. In der Schweiz braucht man es nicht dazu, sondern eben wegen dieses forschenden Lernens und der Skills.
Wann beginnt das IB- Diplomprogramm? Ab der ersten Klasse?
Nein, mit dem zweiten Semester der 2. OG, also des 10. Schuljahres, und es dauert bis zum Ende der 4. OG, also des 12. Schuljahres, da schliesst man ja auch die Matura ab.
Welches Wissen, welche Fähigkeiten erlernen die Schüler*innen? Was für Fächer sind das?
Was das Wissen angeht, das man lernen muss, gibt es kaum Unterschiede zur Matura, deshalb lassen sich Matura und IB-Diplom auch so gut kombinieren. Der Unterschied liegt bei den Fähigkeiten, die eingeübt werden. Forschendes Lernen heisst der Ansatz.
Gibt es ein Beispiel?
Nehmen wir das Biologie-Assessment: Im Fach Biologie entwickeln die Schüler*innen ein eigenes kleines Forschungsprojekt, führen es durch und stellen die Ergebnisse dar.
Das hört sich an, als wären die Jugendlichen schon an der Uni oder im Job.
Tatsächlich, wichtig sind da auch die Skills, die eingeübt werden: Zeitmanagement, Selbstmotivation, Organisationsfähigkeit, kritisches Denken, Reflexionsfähigkeit, auf eigene Stärken und Schwächen zu achten etc. Das sind Fähigkeiten, die später an der Uni gefragt sind, an einer normalen Maturitätsschule aber nicht in diesem Mass eingeübt werden.
Welche IB-Fächer gibt es noch neben Biologie?
Deutsch, Französisch, Englisch, Geografie, Mathematik und eben Biologie. Das sind die IB-Fächer der Stiftsschule, um dieses forschende Lernen besonders zu pflegen. Das kann übrigens sehr eindrücklich sein: Neulich hat mir ein Schüler, der Kardiologe werden will, von seinem Biologie-Assessment geschwärmt, in dem er das Herz, glaube ich, von einem Schwein seziert.
CAS – was bedeutet diese Abkürzung?
CAS ist ein Akronym für Creativity, Activity und Service, also Kunst, Sport, Sozialeinsatz. In diesen Feldern entwickeln die Schüler*innen selbständige Projekte, führen sie durch und dokumentieren sie. Ein Anliegen von CAS ist es, die Studierenden zu animieren, ein Projekt durchzuführen, das sie doch eher stark herausfordert.
Wie das?
Indem sie zum Beispiel bewusst in einem Gebiet ein Projekt starten, in dem sie eigene Schwächen sehen. CAS dient somit auch der Persönlichkeitsentwicklung. CAS ist ein Kernelement des IB, neben der Maturaarbeit und dem philosophischen Fach Erkenntnistheorie.
Ist das nicht ein beträchtlicher Mehraufwand für die Jugendlichen? Haben die nicht mit der normalen Matura schon genug zu tun, zumal sie ja auch noch zweisprachig ist? Oder inwiefern ergänzt sich das? Was sind da die Erfahrungen der Stiftsschule?
Das hört sich jetzt etwas – wie soll ich sagen – krass an: Es gibt keinen Mehraufwand oder nur kaum. Das ergab eine Umfrage unter Schüler*innen einer Kantonsschule, die die zweisprachige Matura mit und ohne IB anbietet. Die effektive Zeit, die mit Hausaufgaben verbracht wird, ist bei beiden Abschlüssen etwa gleich.
De facto aber haben die Schüler*innen im IB aber einiges mehr zu tun. Zum Beispiel eben CAS. Und eine Maturaarbeit. Plus Erkenntnistheorie.
Ja. Woher dieser – sagen wir: gefühlte – Mehraufwand kommt, ist schwer zu sagen. Denn hinsichtlich des Wissens, das zu lernen ist, gibt es kaum Unterschiede zwischen IB und Matura. Möglicherweise kommt dieser gefühlte Mehraufwand von der Art der Aufgaben. Projekte durchführen bedeutet selbständig zu planen, Termine einzuhalten etc. Da gibt es sicher Zeiten mit erhöhtem Druck, allerdings auch das eine gute Übung für das Studium; genauso wie das Verfassen der Maturaarbeit zu einem Thema, für das man sich stark interessiert. In all den Jahren haben wir festgestellt, dass auch viele der schwächeren Gymnasiast*innen das IB-Diplom durchaus bestehen. Das freut uns. Der Doppelabschluss ist also keineswegs nur ein Abschluss für die bessere Hälfte der Schülerinnen und Schüler.
Sie sind eigentlich Altphilologe, unterrichten Altgriechisch und Latein, auch Philosophie. Warum liegt Ihnen das – könnte man sagen: neumodische – IB so am Herzen?
Was mich am IB komplett überzeugt, ist das forschende Lernen. Und dass die Schüler*innen möglichst einen persönlichen Bezug zu den Lerninhalten aufbauen. Das finde ich sehr sympathisch. Neumodisch, übrigens, ist das IB gar nicht, es gibt es seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, und der erste Leiter des IB, Alec Peterson, stand unter dem Einfluss der Reformpädagogik aus der Zeit um 1900.
Danke!
Gern.
Eine lohnenswerte Zahlenspielerei
Mit dem Doppelabschluss Matura plus IB-Diplom schliessen in der Schweiz jährlich acht Klassen ab, das sind etwa 160 Absolvent*innen. 2020 gab es 11’077 gymnasiale Maturitätszeugnisse, nach Bundesamt für Statistik. Der Doppelabschluss ist also ziemlich exklusiv: Weniger als 1 Prozent haben ihn.
Am Puls der Zeit
Das IB revidiert die Lehrpläne alle sechs Jahre. Dabei legt es grossen Wert auf die Erfahrungen derjenigen, die das IB betrifft und die mit ihm zu tun haben, zum Beispiel die Universitäten. Die Matura ist langsamer, die letzte Revision war 1995. Also und mit Verlaub: Die IB-Fächer sind einiges näher am Puls der Zeit als die Matura.
Als Absolvent der Stiftsschule Engelberg (Matura 1979) studierte Dr. Flückiger Philosophie und Klassische Philologie an der Universität Bern und promovierte über den Pyrrhonismus. Anschliessend absolvierte er ein Postdoktorat an der Princeton University. An der Stiftsschule Engelberg unterrichtet er Latein, zuvor unterrichtete er auch Altgriechisch und Philosophie. Im Jahr 2011 baute er das IB-Programm der Schule auf. Er lebt mit seiner Familie in Engelberg.
Informationen zum International Baccalaureate (IB)
Hintergrund
Das International Baccalaureate (IB) wurde 1968 in Genf als gemeinnützige Bildungsinstitution gegründet. Das IB-Diplomprogramm ist ein akademisch anspruchsvolles und ausgeglichenes Ausbildungsprogramm mit Abschlussprüfungen, das Schüler im Alter von etwa 16 bis 19 Jahren auf ein erfolgreiches Studium und Karriere vorbereitet. Das Programm dauert normalerweise zwei Jahre und ist von weltweit führenden Universitäten anerkannt. Das IB führt die Ideale und Visionen der IB-Gründer weiter und sieht seine Aufgabe darin, im Sinne seines Leitbildes eine hochwertige Ausbildung für eine bessere Welt anzubieten:
Ziel des IB ist es, fragende, sachkundige und sozial engagierte junge Menschen auszubilden, die durch interkulturelles Verständnis und Respekt dazu beitragen, eine bessere und friedlichere Welt zu schaffen.
Zu diesem Zweck arbeitet die Organisation zusammen mit Schulen, Regierungen und internationalen Organisationen an der Entwicklung anspruchsvoller internationaler Bildungsprogramme und strenger Bewertungssysteme. Diese Programme ermutigen Schüler auf der ganzen Welt dazu, aktive, anteilnehmende und lebenslang Lernende zu werden, die verinnerlicht haben, dass andere Menschen mit all ihren Unterschieden ebenfalls im Recht sein können.
Anerkennung durch Universitäten weltweit
Das IB-Diplomprogramm ist als führende internationale Ausbildung anerkannt. Es fördert das Wissen, die Fertigkeiten und die Haltungen, die Schüler befähigen, ausgezeichnete Leistungen an einer Universität zu erbringen. Das IB arbeitet mit Universitäten in fast 150 Ländern zusammen, um dem Diplomprogramm im Interesse der 120’000 IB-Absolventen, die jährlich ein Universitätsstudium beginnen, weitere Anerkennung zu verschaffen. Derzeit bieten weltweit über 3’000 Schulen in 147 Ländern das IB-Diblomprogramm an.
Mit dem IB-Diplomprogramm erwerben Schüler eine gründliche und ausgeglichene akademische Vorbereitung und die Fähigkeit, auf die Kenntnis und das Verständnis unterschiedlicher Kulturen und ihrer Geschichte zurückzugreifen, ebenso auf die Erfahrung mit kritischem Denken und mit der Anwendung des Gelernten in neuen Zusammenhängen und über Fachgrenzen hinweg. Das IB ist sich bewusst, dass Erfolg an der Universität und im Beruf kritisches und kreatives Denken erfordert. Der anspruchsvolle Lehrplan des IB-Diplomprogramms bildet den ganzen Schüler aus, indem er die Fähigkeit zu Untersuchung, Forschung und Problemlösung entwickelt, wie auch die wesentlichen Fertigkeiten für Kommunikation und Zusammenarbeit.
Seit nunmehr 50 Jahren nimmt das IB weltweit sorgfältige und konsequente Bewertungen von Schülerleistungen vor. Das spezielle Bewertungsmodell des IB gewährleistet hohe Aussagekraft und Zuverlässigkeit, was sich seit Jahren in der gleichbleibenden Bestehensquote für das IB-Diplom und im Fehlen von Noteninflation äussert. IB-Bewertungen sind so konzipiert, dass die Ausbildung der höheren kognitiven Fertigkeiten betont wird. Sie sind kriterienbasiert und auf die Fähigkeit der Schüler gerichtet, analytisch und kritisch zu denken, Gelerntes zu integrieren und anzuwenden, zusammenzuarbeiten und das Gelernte schriftlich und mündlich mitzuteilen.
2017 haben über 670’000 Schülerinnen und Schüler die Prüfungen des IB-Diplomprogramms abgelegt. Diese IB-Schüler stammen aus einer grossen Anzahl von Völkern aus fast 140 Ländern und widerspiegeln unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen, die sie auf das Lernen im Diplomprogramm anwenden. In Verbindung mit der Betonung von Weltoffenheit und wissenschaftlicher Genauigkeit des Diplomprogramms versehen diese Erfahrungen die Schüler mit einer einzigartigen Reihe von Fertigkeiten, Haltungen und Sichtweisen für den Erfolg an der Universität und im Leben des 21. Jahrhunderts.
Jüngste Untersuchungen von Studierenden mit IB-Diplom bestätigen, dass sie gut abschneiden und signifikant höhere Noten und Abschlussquoten haben als Studierende ohne IB-Diplom. Ferner sind die Noten der IB-Bewertungen ein signifikantes Anzeichen für das Abschneiden an der Universität.
„Wir schätzen die Ausbildung sehr, die IB-Absolventen durch das Diplomprogramm bekommen haben. Während der Zeit, in der ich an der Universität von Hong Kong für die Zulassung zuständig war, konnte ich persönlich sehen, dass sie nicht nur Wissen in ihren Fächern haben, sondern – was viel wichtiger ist – in Kommunikation, denkerischen Fertigkeiten und Allgemeinbildung ein Niveau aufweisen, das sie sehr gut für eine tertiäre Ausbildung und darüber hinaus ausstattet.“ (Professor John A. Spinks, Chefberater des Vizekanzlers, Universität von Hong Kong)
Bewerbung für einen Studienplatz
Wer plant, das IB-Diplom zur Bewerbung für einen Studienplatz an einer ausländischen, speziell einer angelsächsischen Universität einzusetzen, muss wissen, dass diese Universitäten bei der Beurteilung der Bewerbung u. a. darauf achten, welche Fächer auf welchem Niveau (Grundkurs oder Leistungskurs) belegt wurden. Eine Datenbank des IB enthält diesbezügliche Informationen von vielen Universitäten weltweit.
Die hier angeführten zusätzlichen Informationen sind aus verschiedenen Dokumenten, die sich auf den Internetseiten des IB finden, übersetzt oder kopiert.